Neurochirurgie
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Aufgabe der Neurochirurgie ist die operative Behandlung der somatischen Erkrankungen des Zentralnervensystems und seiner Hüllen. In einer neurochirurgischen Klinik werden daher Operationen an Gehirn, Rückenmark, peripheren Nerven sowie Schädel und Wirbelsäule durchgeführt. Solche Eingriffe sind unter anderem erforderlich bei allen Arten von Tumorerkrankungen, Unfallfolgen oder angeborenen Fehlbildungen von Gehirn und Rückenmark. Auch entzündliche Erkrankungen des Zentralnervensystems und spontan auftretende Blutungen infolge von Gefäßmissbildungen (Aneurysmen, Angiome) oder Schlaganfällen gehören zum Aufgabengebiet der Klinik. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Behandlung degenerativer und traumatischer Wirbelsäulenprozesse, hier in erster Linie die Operation von Bandscheibenvorfällen sowie die operative Behandlung von Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Nicht zuletzt werden auch Schmerzpatienten (z.B. bei Trigeminusneuralgie, Tumorerkrankungen, usw.) in der Neurochirurgie behandelt.

     Die Neurochirurgie ist ein eigenständiges medizinisches Fachgebiet, d.h. wir sind nicht Teilgebiet der Allgemeinchirurgie wie z.B. die Gefäßchirurgie. Das kommt insbesondere in einer eigenen Weiterbildungsordnung zum Ausdruck, es gibt eine eigene Gebietsbezeichnung, den Arzt für Neurochirurgie oder Neurochirurgen. Die Facharztanerkennung erhält man nach mündlicher Prüfung sowie einer mindestens sechsjährigen Weiterbildungszeit und zusätzlich Erfüllung eines entsprechenden Operationskataloges. Dabei wird maximal ein Jahr Allgemein- oder Unfallchirurgie oder auch Neurologie angerechnet.

     Die Neurochirurgie im weitesten Sinne ist ein uraltes Fachgebiet, Altertumsforscher haben Mumien und Skelette aus der Zeit des alten Ägypten vor mehr als 5000 Jahren gefunden, die eindeutige Anzeichen neurochirurgischer Tätigkeiten aufweisen. So gibt es Schädelfunde, an denen sich Trepanationsöffnungen befinden, mehr oder weniger große Löcher in der Kalotte, die mit Bohr- und Schabeinstrumenten künstlich hervorgerufen wurden. Die "Patienten" müssen diese Eingriffe sogar längerfristig überlebt haben, da man ein den Rändern dieser künstlichen Öffnungen Hinweise auf Regeneration des Knochens erkennt, und dafür benötigt die Natur zumindest Monate, wenn nicht Jahre. Auch bei den Mayas und Inkas Süd- und Mittelamerikas sowie bei verschiedenen schwarzafrikanischen Völkerschaften finden sich bis in die heutige Zeit Zeugnisse primitiver neurochirurgischer Aktivitäten. Mit den Augen unserer sogenannten wissenschaftlichen Medizin betrachtet, handelt es sich hierbei natürlich nicht um eine medizinische Therapie im Sinne der Schulmedizin. Man wird vielmehr annehmen müssen, daß hier rituelle Handlungen vorgenommen wurden, wie z.B. das Austreiben von bösen Geistern und Dämonen. Andererseits ist eine Therapie von Schädelverletzungen etwa nach Jagdunfällen oder infolge kriegerischer Auseinandersetzungen oder auch die Druckentlastung bei intracraniellen Hämatomen und Abszessen auch unter solchen primitiven Bedingungen durchaus denkbar.

     Die Neurochirurgie in unserem heutigen Sinne ist allerdings ein Kind des 20.Jahrhunderts, deren erste, zaghafte Anfänge etwa um das Jahr 1880 herum liegen. In dieser Zeit wurden von dem Engländer Victor Horsley erste Operationen durchgeführt, denen aus heutiger Sicht das Prädikat Neurochirurgie zukommt. Es muß dabei aber betont werden, daß die unter unvorstellbar primitiven Voraussetzungen vorgenommenen Eingriffe für den Chirurgen ein waghalsiges Unterfangen und für die Patienten zumindest lebensgefährlich waren. Sie müssen sich nur einmal vorstellen, daß zu diesem Zeitpunkt die Entdeckung und Entwicklung von Narkosetechniken ganze dreißig Jahre alt war, das Standardanästhesieverfahren dieser Zeit waren Maskenbetäubungen mit Äther und Chloroform. Asepsis und Antisepsis begannen sich gerade erst in größerem Umfang in der Medizin durchzusetzen und die Entdeckung von Antibiotoka sollte noch etwa 50 Jahre auf sich warten lassen.

      Was die Diagnostik anging, so war der Chirurg vollständig auf den untersuchenden Neurologen angewiesen, der ihm den Patienten im günstigsten Falle überantwortete, weil ihm aus lauter Verzweiflung keine andere Therapie oder Verzögerungstaktik mehr einfiel. Die Diagnose wurde ausschließlich auf Grund des klinischen Untersuchungsbefundes gestellt, die heutigen Hilfsmittel der modernen Radiologie haben sich die damaligen Ärzte in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, und selbst bis zur Entwicklung von Encephalographie, Ventriculographie oder anderer später gebräuchlicher Diagnoseverfahren war es noch ein weiter Weg.

     Auf die  Entwicklung der Neurochirurgie zu unserem heutigen Fach haben im wesentlichen Ärzte zweier Richtungen Einfluß genommen. Einerseits haben Chirurgen ihre Tätigkeiten im Laufe der Zeit auch auf das Gehirn und das Rückenmark ausgedehnt, sie beseitigten damit einen weißen Fleck auf der anatomischen Landkarte der Chirurgie. Andererseits gab es immer wieder Neurologen, die aus lauter Verzweiflung über die Fruchtlosigkeit der konservativen Therapiemaßnahmen im wahrsten Sinne des Wortes "zum Messer griffen".

     So richtig losgegangen ist es mit der Neurochirurgie in Amerika, wo zwischen 1910 und 1940 zunächst Harvey Cushing und später Walter Dandy in Boston und Baltimore die Grundlagen einer modernen Neurochirurgie erarbeiteten. Die Anfänge in Deutschland lagen in den zwanziger Jahren bei dem Neurologen Otfried Förster in Breslau, die erste neurochirurgische Klinik wurde 1937 von Wilhelm Tönnis an der Universität Würzburg gegründet, diese Abteilung zog noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges nach Berlin um. In der Zeit zwischen 1940 und 1945 wurden in einer größeren Anzahl von Feldlazaretten auch  neurochirurgische Eingriffe vorgenommen. Unter ungünstigsten äußeren Voraussetzungen und an den bedauernswerten Opfern des Krieges sammelten die damals aktiven Neurochirurgen wertvolle Erfahrungen, die sie dann nach dem Kriege vielen anderen Patienten zunutze machen konnten. Nach 1945 haben Tönnis und seine Schüler in  Bochum und Köln beginnend die Neurochirurgie in Deutschland wieder auf- und weiter ausgebaut.

      Heutzutage gibt es in ganz Deutschland mehr als 120 neurochirurgische Kliniken und Abteilungen, sowie inzwischen etliche niedergelassene Ärzte, die das Fach in der Regel mit Belegbetten in kleineren Krankenhäusern betreiben. Dabei dürften z.Zt. ca. 700 Fachärzte aktiv sein. Die Zahl der im Fach beschäftigten Assistenzärzte übersteigt diese Zahl naturgemäß um ein vielfaches. Die wissenschaftliche Repräsentation der Neurochirurgen erfolgt durch die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC), die berufspolitische Vertretung durch den Bund deutscher Neurochirurgen (BDNC):

 

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